Führen in Teilzeit,  Lessons Learned,  New Work

Nennt es nicht Arbeitszeitmodell…

Halbzeit! Wahnsinn, wie schnell die Zeit bei meinem Abenteuer Teilzeit als Führungskraft vergangen ist. Zunächst für ein Jahr befristet, startete ich im Januar in ein völlig neues Arbeitsmodell. Warum ich es nicht Arbeitszeitmodell nenne, was ich im ersten halben Jahr noch über Glaubenssätze rund ums Thema Arbeit gelernt habe und was meine persönliche Zwischenbilanz zur 4-Tage-Woche ist, möchte ich in diesem Beitrag teilen.

4 Arbeitstage…

Die meist gehörte und am Anfang auch oft selbst gestellte Frage war: Wie kriegst Du Deinen Job denn nun in vier statt fünf Tagen hin? Und was habe ich nicht alles probiert, um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und meinen Job in gleicher Qualität, mit gleichem Engagement in die reduzierte Zeit zu packen… So oft mit dem Ergebnis, dass es zeitlich einfach nicht hin haute und die Tage im Büro oder zu #StayHome-Zeit im Home Office unglaublich lange waren. Ist es am Ende eine Milchmädchen-Rechnung? Die Stunden nur anders verteilt? Gleiche Leistung für weniger Geld?

Ja, diese Fragen sind berechtigt und nicht von der Hand zu weisen! Aber letztendlich haben sie erstmal nichts mit meiner persönlichen Haltung zu meiner Arbeit zu tun: Ich mache meinen Job schließlich aus Gründen. Also welchen, die über den Lebensunterhalt hinaus gehen: Weil ich Menschen mag, (Zusammen)Arbeit verbessern möchte, neue Wege gehen will, lernen möchte – eben ausprobieren, was fürs Team am besten passt. Und das ließ sich genau betrachtet ja auch schon vor meiner Teilzeit nicht wirklich in einen 40h-Stunden-Vertrag pressen – auch wenn es gängige Praxis ist, Arbeit in Zeit zu messen und darauf basierend zu bezahlen. Doch bringt es mich aktuell weiter, mich über eingeschwungene Systeme zu ärgern? Kann ich das kurz- oder mittelfristig ändern, indem ich Energie darauf verwende? Ich denke nicht. Das ist eher eine langfristig angelegte Mission.

Deswegen habe ich den Druck der Reduktion erstmal abgeschüttelt und mich auf das fokussiert, was ich beeinflussen kann: Arbeitstage gut strukturieren, ToDo’s priorisieren, als Perfektionistin auch mal versuchen „Fünfe grade sein zu lassen“ und wenn‘s wieder länger geht, mich eben nicht dem System anzupassen, indem ich „mitrechne“ was die Stunden sagen. Das würde vor allem die neu gewonnene Freude, die ich in meinem neuen Arbeitsmodell (er)lebe, trüben.

Denn genau diese Freude ist es, die mich meinen Job, meiner Meinung nach, noch besser machen lässt. Ich komme voller neuer Impulse aus meinem freien Tag, täglich voller positiver Energie in die Firma und bin dabei viel ausgeglichener und bewusster was und wie ich arbeite.

…und 1 Tag für meine Herzensthemen und Lernen

Ich liebe diesen Tag! Ein Tag nur für mich, meine Herzensthemen, Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Ein Tag völlige Freiheit, an dem ich ausschließlich der Freude folge: Themen, die mich interessieren vertiefen mit Artikeln/ Büchern/ Podcasts, über meine Gedanken/ Learnings schreiben, mich mit meinem Netzwerk austauschen, über mich selbst/ meinen Job/ mein Leben reflektieren – einfach großartig! Und wie schön ist es, auch mal eine Freundin in Elternzeit zum Frühstück zu treffen oder den Park zum Laufen fast nur für mich zu haben!

Aber auch hier schleicht sich öfters mal Altbewährtes bzw. Altbewahrtes ein: Darf ich das so sagen? Passt das zu meinen Karriereambitionen? Disqualifiziere ich mich damit selbst? Denn da rümpfen Einige, teils auch sehr offen, die Nase drüber. Sind es nicht Präsenz und volle Zeitkonten, die gute Mitarbeiter:innen und vor allem erfolgreiche Führungskräfte ausmachen? Ich glaube, ich werde die Reaktion eines Kollegen nie vergessen, der am Anfang befürchtete, dass die interne Bedeutung unserer Abteilung im Sinkflug sei, weil sie ja nur noch eine Teilzeit-Chefin wert ist…

Und genau an diesen Glaubenssätzen möchte ich einhaken: Wo beginnt und wo endet meine Arbeit eigentlich? Gibt es wirklich noch eine Abgrenzung, wenn ich mich an meinem freien Tag mit Führungsthemen, neuen Arbeitsmethoden und persönlicher Weiterentwicklung, die mich ja auch zu einer besseren „Arbeitskraft“ für das Unternehmen macht, beschäftige? Oder meine Zeit über den Tag flexibler einteile: Frühstück statt Dinner mit der Freundin und dafür abends an einem spannenden Meetup oder einem Webinar teilnehmen, was wieder auf mein Weiterbildungskonto einzahlt?

Vielleicht auch nochmal unabhängig von jobnahen Themen betrachtet, denn es gibt viele tolle Möglichkeiten diesen Tag zu gestalten wie: anderen Lebensbereichen mehr Zeit widmen, sich in einem weiteren Rahmen zu verwirklichen oder an einem eigenen Projekt zu arbeiten. Lebenssinn und Erfüllung, Rahmenbedingungen und Bedürfnisse sind individuell. Und sind ausgeglichene, erfüllte Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven nicht ein Gewinn für jedes Team – losgelöst von der Rolle in der sie tätig sind?

Arbeitsmodell vs. Arbeitszeitmodell

Für mich ist mein Teilzeit-Abenteuer eine absolute Bereicherung. Das Leben fühlt sich „runder“ an, weil das neue Arbeitsmodell meine Themen, meine Wissbegierde, meine (bezahlte) Arbeit und meine Begeisterung unter einen Hut bringt, miteinander verbindet und so viel Neues entsteht und wächst.

Und so habe ich auch das klassische Wort ArbeitsZEITmodell regelrecht fürchten gelernt. Es ist, zumindest in meinem Kontext, irreführend und entspricht überhaupt nicht dem, wie ich arbeiten möchte und Arbeit definiere – übrigens weder in Teilzeit, noch in Vollzeit. Ich denke, es ist an der Zeit alte Glaubenssätze, die damit verknüpft sind, ernsthaft zu hinterfragen: Was sagen Wochenstunden und Arbeitszeit über Leistung und Ergebnis aus? Sind volle Stundenkonten oder Präsenz wirklich aussagekräftige Messwerte für gute Arbeit? Und ein zeitgemäßer Ausgangswert fürs Gehalt? Und wieso fühlt sich Teilzeit stellenweise immer noch wie ein Makel an – für eine Abteilung, für die Vita?

Mein Wunsch, mein persönliches Ziel ist, dass ich mit meinem Abenteuer zumindest ein kleines Stückchen Überzeugungsarbeit leisten bzw. (vor)leben kann, dass gute und erfolgreiche Arbeit auch anders organisiert sein kann, dass darin so viel Potential steckt und dass hier eine tolle Möglichkeit besteht Arbeit neu zu definieren.

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