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Sichtbarkeit ist (auch nur) eine Mutprobe

Es fühlt sich absolut richtig an, das Bauchgefühl passt, Begeisterung liegt in der Luft. Doch der Kopf meldet „Risiko! Neuland!“ – und damit ist es nicht nur furchtbar aufregend, sondern auch furchtbar furchteinflößend: die Sichtbarkeit im Netz. Meine Themen, meine Learnings und meine Emotionen – für alle Welt sichtbar und mit meinem Namen verknüpft.

Seit November letzten Jahres bin ich aktiver Twitter-User, was auch mein bisher relativ leeres Google-Profil ganz schön mit Leben füllt, und seit gut einem Monat mit diesem persönlichen Blog online. Doch warum kostet mich der Weg in die Sichtbarkeit eigentlich so viel Mut?

Mein Tanz um den Publish-Button

Bevor ich etwas online stelle habe ich unglaublich viel Zeit in meinen Beitrag investiert. Ich will ganz sicher sein, dass ich Dinge richtig verstanden und zitiert habe, den Hintergrund sowie das Thema von allen Seiten ausreichend beleuchtet habe und meine Texte dazu Sinn geben, einen Mehrwert bringen. Habe ich alle Aspekte betrachtet? Wer ist eigentlich die Person hinter meinem Retweet? Für wen erstelle ich den Beitrag? Trete ich jemand auf die Füße? Ist das eine Aussage, die mir entspricht oder wird sie mich irgendwann ein- und überholen? In diesem Zusammenhang wurde mir auch bewusst, wie tief das klassische Hierarchiedenken in meinem Unterbewusstsein verwurzelt sein muss. So drängt sich, je nach Brisanz des Beitrags, immer mal wieder die Frage auf: was, wenn unser Geschäftsführer das sieht und findet, dass das gar nicht geht? Aber hey, ich trau‘ mich tatsächlich dann trotzdem jedes Mal!

Wenn der Beitrag dann online ist, geht und bleibt der Puls erstmal hoch. Habe ich zu viel preisgegeben, war es zu persönlich? Reagiert jemand darauf oder interessiert es überhaupt nicht? Oha, den LinkedIn Beitrag haben soundso viele Personen aus meinem Unternehmen gesehen! Wird mich da wohl jemand darauf ansprechen?

Back to the roots…

Es fühlt sich ein bisschen an, wie eine Zeitreise in meine Vergangenheit. Dieses Gefühl, diese Lernkurve, diesen Weg kenne ich! Ich bin durch all diese Unsicherheiten und Sorgen schon einmal „offline“, bei meinem Berufsstart, gegangen: Wie kommuniziere ich? Wie läuft das hier? Was sind geschriebene und vor allem ungeschriebene Gesetze? Wie verhalte ich mich in welcher Situation? Habe ich was falsch gemacht, was Falsches gesagt? Was könnte das für Konsequenzen haben? Gedankenkarussell par Excellence!

All diese Unsicherheiten wurden mittlerweile, Stück für Stück und mit teils harten Lessons Learned abgelöst von der Erkenntnis, dass ich nun mal ich bin – mit all meinen Stärken und Schwächen, Werten und Emotionen, Herzensthemen und Learnings, mit meinem persönlichen Wachstum! Am Ende muss ich einen passenden Raum finden, in dem ich mich entfalten kann, anstatt eine Rolle zu übernehmen, die zwar perfekt ins System passt, aber mir nicht entspricht. Nur so kann ich wirklich erfolgreich sein.

Natürlich gehören – wie immer im Leben – Kompromisse und auch eine gewisse Anpassung ans Umfeld dazu. Hier gibt es ja nicht nur schwarz und weiß. Aber es ist wichtig meine eigenen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann es nicht mehr authentisch ist. So wurde zwischenzeitlich aus der „Ich-muss-(un)geschriebene-Gesetze-kennen-und-befolgen-Trainee“ eine Teilzeit-Chefin mit Bällebad. Das ist größentechnisch zwar nur ein Fußbad, aber dafür ein prima Aufhänger, um über meine Herzensthemen und NewWork-Impulse zu diskutieren. Ja, ich habe immer noch ein klein wenig Sorge, dass mal jemand zwei Hierarchiestufen über mir die bunten Bälle sieht und mich für albern hält ohne nachzufragen, was ich damit bezwecke. Aber heute gehe ich dieses „Risiko“ ein, weil ich vom Sinn meines Tuns überzeugt bin. Und genau deswegen ist mein Bällebad hier auch das Titelbild!

Gemeinsamer Nenner: Unsicherheit

Unsicherheit, gerade in Anbetracht vieler unbekannter Komponenten, prägt Neustarts. Grundsätzlich habe ich diese Art der Herausforderung aber ja schon oft gemeistert – nur halt offline. Nun ist „Online“ im Sinne von Sichtbarkeit, das neue Terrain auf dem ich mich bewege! Neben den üblichen Umgangsformen und wie der Hase digital so läuft, verunsichern mich vor allem der „Kontrollverlust“ nach dem Veröffentlichen sowie der „Ewigkeitsfaktor“ des Internets.

Klar, habe ich auch im realen Leben nicht immer im Griff, was mit meinen Beiträgen passiert und unter welcher Fahne sie weiterverteilt werden. Aber online bewege ich mich auf einem Marktplatz – jeder, der vorbeikommt kann es sehen und am Ende daraus machen, was er:sie möchte.

Fast ein bisschen unter Schock stehe ich auch jedes Mal, wenn ich tatsächlich wahrgenommen werde und meine Vorbilder meine Beiträge liken oder sich mit mir vernetzen möchten. Ein unglaubliches Gefühl – da fällt mir manchmal fast das Smartphone aus der Hand! Auch unerwartetes Feedback oder Likes von Kollegen überraschen mich jedes Mal und bisher immer positiv. Auch wenn ich nicht damit rechne, dass meine Beiträge genug polarisieren, um einen Shitstorm auszulösen: manche Reaktionen sind schon auch gewöhnungsbedürftig und gerade durch persönliche Beiträge mache ich mich verletzlich.

Und einmal online, immer verknüpft mit mir… Hätte ich meinen Berufsstart versemmelt, hätte ich woanders neu starten können – gibt es die Chance auf einen Neustart im Netz, wenn man es vermasselt?

Auf welche Lessons Learned kann ich zurückgreifen?

Sichtbar zu werden war keine spontane Entscheidung oder aus einer Laune heraus. Im Laufe meines aktuellen WOL-Circles habe ich, neben meinem eigentlichen Thema, vor allem gelernt, wie wichtig auch der Aufbau und die Pflege digitaler Beziehungen ist und wie viel Spaß Netzwerken online macht. So wurde schnell aus meinem großen Zeh im kalten Wasser (in Form von unverfänglichen Beiträgen über Working out Loud und Meetup-Besuche), der Kopfüber-Sprung in den Eiskübel: mein Blog ging online. Und jeder Schritt, jeder Beitrag hat mir auf irgendeine Weise gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Beziehungen werden verbindlicher, Meetups kriegen ein „Klassentreffen“-Feeling und zudem bekomme ich durch die Beiträge von Menschen, mit denen ich vernetzt bin, Denkanstöße, aktuelles Wissen, Trends und Erfolgsgeschichten in die Timeline gezaubert. Das will ich nicht mehr missen und Sichtbarkeit gehört einfach dazu – also einfach (weiter) machen!

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich vor allem dann wachse, wenn es ein bisschen unbequem wird. Wenn ich der Unsicherheit folge, lerne ich – jedes Mal. Und da ich, gerade als Twitter Newbie und Blog Quietschi noch so viel lernen muss, betrachte ich das Thema Sichtbarkeit als Lernreise. Auf dem Weg werde ich ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren! Dabei werde ich sicher Fehler machen, mal hinfallen, anderen auf den Schlips treten und vielleicht Manchem unangenehm auffallen. Aber das ist wie immer im Leben und nur so lerne ich dazu und kann weiterwachsen.

Zudem betrachte ich es als weiterführende Übung zu mir selbst, meinen Gedanken und Ideen zu stehen und darauf zu vertrauen, dass das nicht falsch sein kann.

Warum teile ich das?

Im ersten Schritt wollte ich mir mit diesem Text vor allem selbst Mut machen – Schreiben hilft immer. Doch ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Unsicherheit und diesem schrägen Gefühl nicht allein bin. Sie begegnet mir in meiner Twitterblase in Form von ehrlichen Tweets dazu oder Usern ohne Klarnamen oder Bild oder auch bei Meetups, bei denen sich nicht alle Teilnehmer mit vollständigem Namen anmelden. Aber es ist ja auch kein Wunder. Wie oft habe ich schon gehört „Bei LinkedIn ist nur, wer sich weg bewirbt“ – was für ein fieser Glaubenssatz! Und gerade jetzt, wo sich alle Welt mit New Work-Themen beschäftigt, aber vielleicht nicht alle Unternehmen mit Vollgas in all diesen Bereichen durchstarten, sondern erstmal die Entwicklung beobachten, möchte man vielleicht selbst auch am liebsten erstmal in der Deckung bleiben?

Und genau darum teile ich meine Gefühle so offen: Ich kann das total nachvollziehen und zittere nach vielen Posts, vor allem nach Blogbeiträgen, die viel von mir persönlich preisgeben. Doch Netzwerken und Veränderungen sind schwierig ohne Gesicht, ohne Positionierung, ohne Beiträge.

Ich sehe das mittlerweile so: Was sagt mein Twitter-Account, mein Blog am Ende über mich aus? Dass ich begeistert lerne, mich gerne mit neuen Themen beschäftige, mir Menschen sehr am Herzen liegen, ich reflektieren kann und mich ständig weiterbilde und -entwicklen möchte. Das ist kein Geheimnis und nichts, was ich verstecken muss!

Also bin ich mutig, bleibe sichtbar und drücke auch für diesen Artikel auf den Publish-Button…